Was kann LEGO® Serious Play®?

Steffen Sommerlad · 24.02.2020 5 Minuten Lesezeit #RealTimeStrategy #Teambuilding #Workshop

Steffen hat im Januar 2020 an einem viertägigen LEGO® Serious Play® Training von Robert Rasmussen teilgenommen. Es war lehrreich und anstrengend. Hier berichtet er über die Methode und seine Erkenntnisse.

Ich will persönlich herausfinden was hinter LEGO® Serious Play®, kurz: LSP, steckt und ob es sinnvoll im Arbeitskontext einsetzbar ist. Ein Kollege empfiehlt mir die Methode direkt bei Robert Rasmussen, dem Erfinder, zu lernen. Begründung: „Robert ist ein großartiger Moderator, von dem Du viel lernen kannst.“ Die Veranstaltung findet im Januar 2020 im inno.hub im Frankfurter Flughafen statt, und wird von Matthias Renner vom Creative Change Lab organisiert. Weil das Training komplett auf Englisch stattfindet, nutze ich im Artikel viele der englischen Originalbegriffe.

In werde hier nicht auf die Lern- und Kognitionstheorien eingehen, die hinter LSP stecken. Ich möchte nur anmerken, dass LSP auf einem breiten und wissenschaftlichen Fundament fußt, welches im Training pointiert und eindrucksvoll vermittelt wird (z.B. Hand-Mind-Connection, Constructivism, Constructionism, Flow-Theory).

Robert Rasmussen LSP Training
Der Trainer Robert Rasmussen, Foto: Steffen Sommerlad
Lego-Modell am zweiten Tag, Foto: Steffen Sommerlad

Anfangs zögere ich mich anzumelden. Ich kenne Lego aus dem Design Thinking Basic Track der d.school in Potsdam, hier wird es als Material für die Erstellung von Prototypen genutzt. Einen Mehrwert in diesem Kontext konnte ich nicht erkennen. Ich bewerte es als zu oberflächlich um Ideen zu visualisieren und habe schlechte Erfahrungen in Nutzertests gemacht, deshalb verzichte ich in Projekten und Workshops auf den Einsatz von Lego.

Lego als Prototyping-Material?

Zum Glück ist LSP anders! Es geht nicht darum Ideen mit Nutzern zu testen. LSP ist vielmehr eine Methode zur Strategieentwicklung im Unternehmens- und Teamkontext. Es geht um die Visualisierung von abstrakten Begriffen, z.B. den eigenen Kompetenzen, den Aufgaben und Ressourcen in einem Team, oder angestrebten neuen Fähigkeiten, und um das Zusammenführen von diesen Faktoren in einem gemeinsamen Modell. Es geht darum die Verbindungen zwischen diesen Einfüssen im Rahmen einer Lego-Landschaft sichtbar und erlebbar zu machen, so lassen sich aktuelle und zukünftige Szenarien strategisch durchspielen. Im Workshop spricht Robert von „Real Time Strategy“ (RTS), was stellvertretend für „learned strategy“ steht. Planung und Handlung wechseln sich bei dieser von Anfang an ab (plan, do, plan, do, plan, do), im Gegensatz zur „planned strategy“, bei der ausgiebig geplant und erst am Ende gehandelt wird (plan, plan, plan, do). Es geht also bei RTS um das schnelle Prüfen und Scheitern, um ein Lernen in Echtzeit. Ein mittlerweile bewährtes Vorgehen, welches bei diversen agilen Methoden und Designprozessen zum Einsatz kommt.

LSP wird mit den Händen gelernt.

Die Teilnehmer*innen erleben persönlich alle sieben von Robert und seinem Team entwickelten Application Technics (AT). Die Choregrafie dieser Techniken wurde laut Robert unzählige Male iteriert, und das merkt man. Alles baut logisch und nachvollziehbar aufeinander auf, die Aufgaben bringen das Team schnell in den „Flow“ und es wird immer persönlicher und erkenntnisreicher. Alles ist zudem hervorragend dokumentiert, wir bekommen gleich zu Beginn des Workshops einen umfangreichen Ordner, und Robert teilt immer wieder, passend zu seinen kurzen und spannenden Inputs, neue und ergänzende Handouts aus. Die Methode wird scheinbar auch nach 20 Jahren noch erweitert und verbessert.

Shared Model LSP
Im Team erstelltes Modell, Foto: Steffen Sommerlad
Landscape Model LSP
Lego-Landschaft mit Verbindungen, Foto: Steffen Sommerlad

90% der Trainingszeit arbeiten wir mit den Lego-Steinen. Robert moderiert uns fröhlich von einer Aufgabe zur nächsten, es wird immer komplexer und herausfordernder. Ich bin überrascht wie viel Spaß mir die Kreation der Modelle macht, und zapfe spürbar mein Unterbewusstsein an. Ich bin dankbar über die Erfahrung und das Gelernte, obwohl ich seit dem dritten Workshop-Tag, der von 8:30 bis 22 Uhr geht, mit Erschöpfung zu kämpfen habe. Auf meine Rückfrage erklärt Robert, dass diese Nachtschicht nötig sei, damit wir in der begrenzten Zeit auch lernen eigene LSP-Workshops zu konzipieren. Ich entwerfe also müde und unkonzentriert im Zweierteam mit Thomas eine Agenda für ein aktuelles Beratungsprojekt.

Am Ende des vierten Tages, nachdem wir einen letzten gemeinsamen LSP-Prozess durchlaufen haben, ist deutlich ein Gefühl der Verbundenheit im Team spürbar. Ich bin erleichtert, positiv aufgeladen und ahne erste Möglichkeiten, die neuen Erkenntnisse in Projekten einzusetzen. Noch sinnvoller erscheint mir die Methode allerdings im Kontext meiner zukünftigen Rolle als Systemischer Coach und Organisationsentwickler. Sobald ich meine ersten Erfahrungen mit LSP im Beratungskontext gemacht habe, werde ich hier davon berichten.

Drei Erkenntnisse aus dem Training:

1. Die richtigen Fragen stellen

Auch eine gute Methode braucht gute Fragen. Robert hat im Workshop eindrücklich gezeigt wie erkenntnisreich die Antworten sind, wenn gute Fragen gestellt werden. LSP ist nur der Katalysator, das Ergebnis der Methode steht und fällt mit der Fähigkeit des Moderators durch den Workshop zu leiten. Aus der Nutzerrecherche kenne ich bereits die 5-Why-Methode, mit deren Hilfe unterbewusste Emotionen hinter Entscheidungen und Handlungen aufgespürt werden. Auch diese Methode führt nur mit dem entsprechenden Mindset zu tieferen Erkenntnissen: Neugier, dem echten Interesse am Gegenüber, Unvoreingenommenheit und Respekt. Robert empfiehlt passend zum Thema das Buch Humble Inquiry von Edgar H. Schein (ein Auszug daraus), welches auch auf deutsch erhältlich ist. Dieser Empfehlung schließe ich mich an. Unbedingt lesen und dann weniger reden, bewusster fragen und aufmerksam zuhören.

2. 3D Note-Taking

Ich arbeite seit Jahren mit Whiteboard, Flip-Chart und Post-its. Auch in meinem Home Office hängt ein großes Whiteboard an der Wand. Ich nutze es jeden Tag und bin mir bewusst, wie wichtig es ist mit den Händen zu denken. Robert hat im Training eine ergänzende Technik vorgestellt: 3D Note-Taking. Mit Hilfe von Legosteinen können ganz einfach und klärend Zusammenhänge, Positionen und Spannungsfelder visualisiert werden. Hierzu müssen keine komplexen Modelle gebaut werden, schon wenige Steine genügen. Diese werden gemeinsam mit einem Kunden oder einer Kollegin auf dem Tisch platziert und im Dialog neu arrangiert. Ich habe den Eindruck, dass 3D Note-Taking sich besonders effektiv im Kontext einer Auftragsklärung einsetzen lässt. Nehmen Sie das nächste Mal einfach ein Säckchen Lego mit zum Kunden, um z. B. die Spannungsfelder oder Probleme zwischen den Abteilungen mit Hilfe der Lego-Steine dreidimensional zu visualisieren und so besser zu verstehen. Ein weiterführendes PDF von Robert: 10 Golden Rules of 3D Note-Taking.

3. Simple Guiding Principles

Im Rahmen der Real Time Strategy haben wir Simple Guiding Principles (SGP) für die Durchführung unserer zukünftigen LSP-Workshops entwickelt. Diese kurzen Leitsätze basieren auf den Erkenntnissen aus dem Training. SGP sind präzise und trotzdem vielseitig. Sie sind zukunftsorientiert und verweisen auf Verhaltensweisen deren Ausprägung wir anstreben. Ziel der SGP ist es in unerwarteten oder kritischen Workshop-Situationen schnell und problemlösend handeln zu können. Idealerweise funktionieren sie aber auch im Arbeits- und Lebensalltag. Ein erster Prototyp der eigenen SGP ist schnell erstellt und kann beliebig oft iteriert werden. Beginnen Sie mit fünf Leitsätzen, überlegen Sie: In welchen Situationen möchte ich mich in Zukunft anders oder problemlösender verhalten? Welcher Leitsatz kann mich dabei unterstützen? Für mehr Informationen zum Thema SGP empfehlen wir diesen Artikel von Richard Shrapnel. Abchließend drei einfache Beispiele für SGP:

  • niemanden verurteilen (don’t judge nobody)
  • die Komfortzone verlassen und improvisieren (drop your routine and start improvising)
  • neugierig offene Fragen stellen (ask humble questions)

Möchten Sie mehr über diese Methode erfahren oder in Ihrem Team mit LSP arbeiten?