Gute Design Thinking Beispiele

Steffen Sommerlad · 23.03.2020 #DesignThinking #NutzerzentriertesDesign

Was ist nutzerzentriertes Design? Am besten vermittelt und versteht man das anhand von Beispielen. Wir stellen ein paar interessante Produkte und Dienstleistungen vor.

Design Thinking ist ein Mindset, welches sich im Kern durch ein echtes Interesse am Menschen und einen empathischen Dialog auszeichnet. Diese Nutzerrecherche ist die Grundlage dafür, dass wirklich relevante Probleme erkannt und auf eine Art gelöst werden, die zur Zielgruppe und deren Verhaltensweisen passt. So entsteht nutzerzentriertes Design.

Viele Design Thinking Workshops beginnen mit Beispielen, um das Ergebnispotenzial dieses Mindsets zu verdeutlichen: dem Embrace Babywarmer für Frühgeborene in ländlichen Regionen, dem auf Kinderbedürfnisse angepassten MRT-Scan-Erlebnis „The Pirat Ship“ von Doug Dietz oder der Reise-Plattform Airbnb. Wir und unsere Kundinnen lieben gutes nutzerzentriertes Design, und wir finden, dass es Zeit für aktuellere und vielseitigere Beispiele wird. Zum Glück haben wir eine Sammlung an interessanten Produkten und Dienstleistungen angelegt, aus der wir an dieser Stelle ein paar vorstellen. Uns geht es dabei um die Verdeutlichung von Mindset, Designprozess sowie Zielgruppenfokus, und nicht um Werbung für Konsumgüter.

1. Casper Glow Light

Das Matratzen-Startup Casper aus Amerika hat es geschafft das eigene Produkt-Portofolio mit einer Nachttischlampe sinnvoll und strategisch zu erweitern. Die konzeptionell durchdachte Casper Glow Light verweist auf einen umfangreichen, nutzerzentrierten Designprozess mit zwei Zielgruppen: Kinder und Erwachsene. Die Lampe adressiert diverse Bedürfnisse in der Nutzungssituation: Sie lässt sich durch Drehen intuitiv und spielerisch Dimmen, sie ist kabellos und begleitet beim nächtlichen Gang auf die Toilette, sie ist mit weiteren Glow Lights synchronisierbar, und mit Hilfe eine App lässt sich eine Weckfunktion programmieren. Die Lampe ist überraschend einfach, funktional und schön. Casper Glow Light ist eines unserer Lieblingsbeispiele für nutzerzentriertes Produktdesign. Mehr Details und einen Einblick in den Designprozess gibt dieses YouTube-Video.

2. Amparo

The Confidence Socket von Amparo ist die perfekte Alternative zum Babywarmer. Wir kennen den Gründer Lucas Paes de Melo persönlich und haben mitverfolgt, wie dieses orthopädische Produkt durch einen Design Thinking Prozess initiiert wurde. Zu Beginn war die Herausforderung einen Prozess für die Anpassung von Prothesen in Entwicklungsländern zu entwickeln. Das Endergebnis ist eine innovative Prothese, die einfach und unmittelbar vor Ort modifiziert werden kann, sodass langwierige Anpassungsprozesse und Fahrten in entfernte Krankenhäuser entfallen. Amparo ist ein einzigartiges soziales Unternehmen und unser Lieblingsbeispiel, wenn es darum geht die soziale Innovationskraft von nutzerzentrierten Designprozessen zu verdeutlichen.

3. Tonies und Toniebox

Zwei schwäbische Tüftler adressieren mit dieser Produktinnovation eine junge Zielgruppe. Es geht um Hörspielkonsum im Kinderzimmer. Die Toniebox ist robust, einfach zu bedienen, und hat über WLAN Zugriff auf eine Hörspieldatenbank. Diese wird mithilfe von physischen Artefakten, den sogenannten Tonies, die auf der Box platziert werden, angesteuert. Das Konzept löst diverse Probleme („MP3-Player: kompliziert zu bedienen. Tablets: viel zu großes Ablenkungspotenzial durch das Display.“, Zitat aus Brand Eins von 2017) und ist seit Jahren so erfolgreich, dass die Boxen zu Weihnachten zeitweise ausverkauft sind. Die Toniebox zeigt eindrucksvoll, dass ein innovatives technisches Produkt auch ohne Display auskommt, und das die Reduktion auf wesentliche Funktionen ein starker USP ist. Grundvoraussetzung dafür ist, dass die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppe erkannt und verstanden werden.

4. b8ta Store

Menschen kaufen online ein, möchten Produkte aber zuvor im Laden vergleichen, und sich persönlich von deren Haptik, Verarbeitung und Benutzbarkeit überzeugen. Dieses Dilemma transformiert b8ta hervorragend in ein innovatives Ladenkonzept. b8ta finanziert sich nicht durch den Verkauf der ausgestellten Produkt, stattdessen werden Ladenflächen an junge Start-Ups und Hersteller vermietet, die neue Produkte und Prototypen präsentieren und evaluieren möchten. Die Läden sind mit digitaler Tracking-Technik ausgestattet, so können qualitative Nutzerdaten und detailliertes Nutzerfeedback erfasst und unmittelbar an die Hersteller übermittelt werden. Die Mitarbeiter*innen in den Shops treten explizit als Berater und nicht als Verkäufer auf, so entsteht eine innovative Dienstleistung mit großem Mehrwert für alle Beteiligten. Wir waren in einem b8ta-Store in New York und sind begeistert vom Entdeckungspotenzial dieser Läden. Mehr Details gibt’s in diesem Brand Eins Artikel von 2018.

5. Skoda Simply Clever

Ehrlich gesagt fahren wir am liebsten mit dem Fahrrad und besitzen aus guten Gründen kein Auto, trotzdem hat uns die folgende Lösungsvielfalt begeistert. Das Auto ist ein Produkt, welches in seiner Grundfunktionalität seit Langem ausgereift ist. Es finden fast ausschließlich inkrementelle Produktverbesserungen statt, die in der Regel sehr technikgetrieben und wenig nutzerzentriert sind. Skoda geht da einen anderen Weg. Passend zum eigenen Slogan „Simply Clever“ wurden diverse nutzerzentrierte Verbesserungen entwickelt, die überraschenderweise wenig mit digitaler Technik zu tun haben: eine Halteklammer für den Parkschein, ein Aufbewahrungsfach für den Regenschirm in der Vordertür, ein Eiskratzer im Tankdeckel oder ein Abfalleimer in der Beifahrertür, um nur ein paar der Ideen zu nennen. Skoda zeigt überzeugend, wie durch die bewusste Analyse von Nutzungssituationen nahe liegende und einfache Lösungen entstehen können, die das Nutzungserlebnis deutlich verbessern. Das ist doch ein guter Anfang, um im nächsten Schritt ganzheitliche Mobilitätslösungen zu entwickeln, die auch Ressourcen und Mitwelt einbeziehen.

6. Juicero

Zum Abschluss haben wir noch ein Beispiel für das Scheitern eines scheinbar „nutzerzentrierten“ Produktes. Die Silicon-Valley-Saftpresse Juicero, in welche Googles Mutterkonzern Alphabet 2017 ganze 120 Millionen Dollar investiert hat, adressiert aktuelle Gesundheits- und Convenience-Trends, konnte sich aber langfristig aufgrund der Funktionalität und einem überteuerten Preismodell nicht am Markt behaupten. Nutzer fanden heraus, dass sich die mitgelieferten Saftpäckchen auch ohne die 700 Dollar (später 400 Dollar) teure High-Tech-Presse, ganz einfach per Hand, ausquetschen lassen. Das entsprechende YouTube-Video haben wir schmunzelnd angesehen. Juicero ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Daseinsberechtigung eine technikgetriebene Innovation hat, wenn kein relevantes Nutzerproblem gelöst wird.

Möchten Sie eine Herausforderung mit Hilfe von Design Thinking lösen oder Ihre Unternehmensstrategie nutzerzentriert ausrichten und weiterentwickeln?