Design für eine wünschenswerte Zukunft

Astrid Möller · 15.04.2020 10 Minuten Lesezeit #StrategicDesign Nachhaltigkeit

Wir erleben in diesen Wochen eine besondere Zeit, die uns innehalten lässt und zum Nachdenken anregt. Gewohnte Verhaltensmuster und Routinen, von denen wir niemals gedacht hätten, dass wir sie ändern könnten, fallen plötzlich weg und wir merken, dass wir von einem auf den anderen Tag anders leben können, wenn die Umstände es erfordern.

Wir bemerken, dass eine andere Art zu leben möglich ist. Doch wie geht es weiter, wenn diese Krise beendet ist? Welche Gewohnheiten nehmen wir in Zukunft wieder auf und welche lassen wir sein?

Was ist eine wünschenswerte Zukunft und welche Rolle spielt dabei Design?

Es gibt viele Zukunftszenarien, doch bezieht man in die Überlegungen mit ein, dass wir in einem Ökosystem leben und unser menschliches Wohlergehen von diesem abhängt, sollte man das Dokument „Planetary Boundaries“ mit einbeziehen. Die Planetary Boundaries sind ökologische Grenzen, bei deren Überschreitung die Lebensgrundlage der Menschheit gefährdet ist. Sie wurden von 28 internationalen Wissenschaftler*innen entwickelt und sind unter anderem die Grundlage der europäischen Klimapolitik. Vier von neun planetaren Grenzen sind durch den Einfluss des Menschen bereits (teilweise irreversible) über den definierten unsicheren Bereich geschritten: Klimawandel, Biodiversität, Landnutzung und biogeochemische Kreisläufe. Einige der Grenzen, die global noch nicht überschritten sind, übersteigen bereits regionale Toleranzlimits, etwa der Wasserverbrauch in Teilen Südeuropas, Asiens und des Mittleren Ostens.

planetary boundaries
Illustration von Felix Müller. Wir emfpehlen diesen TED Talk zum Thema

Vor diesem erschreckenden Hintergrund, stellen wir uns als Designer*innen die Frage: Wie schaffen wir es, gemeinsam in eine Zukunft zu steuern, in der das menschliche Wohlergehen nicht gefährdet ist? Was bedeutet nachhaltiges Design? Denn eins ist klar: Es ist an der Zeit für Innovationen und Lösungen, die nachhaltig sind. Und dass es möglich ist, anders zu denken und zu handeln, zeigt uns die jetzige Zeit.

Die folgenden drei Leitstrategien werden gegenwärtig diskutiert, wenn es um nachhaltigeres Wirtschaften geht, aber auch im Design können sie richtungsweisend sein:

Effizienz (Quantität)

Wie können wir z.B. Ressourcen besser nutzen, um weniger Müll zu produzieren? Diese Strategie gilt als Türöffner zur Nachhaltigkeit, denn sie ist im unternehmerischen Kontext leicht verständlich: Es geht um Kostenreduzierung! Und im ökologischen Sinne: Um weniger Belastung der Umwelt. Wie können beispielsweise Stanzen geformt sein, um möglichst wenig Materialabfall zu produzieren?

Aber Vorsicht: Mit Effizienz ist nicht Intensivierung gemeint. Ein einfaches Beispiel ist die E-mail: Im Gegensatz zum Brief ist sie Ressourcen schonend und zeitsparend. Im Idealfall würden wir durch die E-mail also mehr Zeit gewinnen. Die Realität sieht anders aus: Dadurch dass sie „effizienter“ ist, kommunizieren wir mehr über diesen Kanal. Uns erreicht nicht mehr ein Brief pro Tag, sondern hundert Emails, die Server werden voller, der Stromverbrauch steigt, die Menschen sind zunehmend überlastet. Diese „Rebound Effekte“ wurden wissenschaftlich nachgewiesen und z.B. in „Impulse zur Wachstumswende“ diskutiert.

Die Effizienzsteigerung ist im Kontext von nachhaltigen Lösungen also kritisch zu bewerten.

Konsistenz (Qualität)

Der Ansatz der Konsistenz ist da grundlegender und systemischer. Er zielt darauf ab, die Produktionswege und Stoffkreisläufe umweltverträglicher zu gestalten. Es geht dabei um Produkte, die langlebig sind und deren Bestandteile vollständig wiederverwendet oder recycelt werden können. Dies impliziert eine radikale Art von Innovation, die strukturelle Folgen in Unternehmen und Organisationen hat und daher schwieriger umsetzbar ist. Produkte, die nach dem „Cradle-to-Cradle“ Konzept entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können, oder als „technische Nährstoffe“ kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden, sind bis dato die Ausnahme.

Suffizienz (Werte)

Die Suffizienz Strategie beinhaltet ein Umdenken und eine Neudefinition von Konsum überhaupt. Sie impliziert ein Anpassen der Verhaltensweisen der Konsumierenden: Reparieren statt Wegwerfen, Nutzen statt Besitzen. Anstelle von „grünem Konsum“ tritt weniger Konsum und ist damit die radikalste Strategie der drei vorgestellten. Ein kultureller Wandel hin zu Suffizienz in der Gesamtgesellschaft wird zur heutigen Zeit als unrealistisch eingeschätzt, aber es gibt bereits Beispiele, die das Prinzip der Suffizienz leben: Die Stadt Zürich möchte ihren Ressourcenverbrauch so weit reduzieren, dass nicht mehr als eine Tonne CO2 ausstoßen wird und setzt dies zum Beispiel mit „Belegungsvorschriften für Wohnungen, Carsharing statt eigenen Dienstfahrzeugen oder mit gemeinsam genutzten Druckern und Kopiergeräten“ um.

Ein Beispiel

Nehmen wir die Automobilbranche als Beispiel : Eine effiziente Designlösung wäre es, in der Produktion darauf zu achten, dass möglichst wenig Materialabfall produziert wird, oder dass der Motor wenig Kraftstoff verbraucht. Eine Konsistenz-Strategie wäre, das Auto so zu bauen, dass es (komplett) recycelt werden kann, oder aber, dass gebrauchte Autos zu etwas anderem umfunktioniert werden können. Nach der Suffizienz-Strategie würde man ganz auf das Auto verzichten und sich, wie im Falle der Stadt Zürich, Dienstfahrzeuge ausleihen, oder aber Bahn fahren. Vielleicht aber auch einfach direkt im Home Office bleiben. Wir haben ja in den letzten Wochen gelernt, dass es möglich ist. Wenn wir jetzt mutig sind und uns trauen umzudenken, können wir es schaffen, die planetarischen Grenzen nicht zu überschreiten.

Wir gestalten unsere Design Sprints und Design Thinking Workshops so, dass Lösungen entstehen, die die Strategien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz nutzen!

Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Organisationen, aber auch die Konsumierenden, ihre Werte und ihr Verhalten hinterfragen und umdenken. Für einen wünschenswerten gesellschaftlichen Wandel brauchen wir große Ziele und eine klare Vision.

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